Freiberufler vs. Angestellter 2026: die 1,2×-Regel, die keine Vergleichsseite zeigt
Aktualisiert September 2026 · Steuerjahr 2026 · §32a EStG, KV/PV paritätisch, BBG 2026 · Zahlen aus unserem Rechner-Modell
Jede Vergleichsseite sagt dir: «Der Angestellte gewinnt immer — der Arbeitgeber trägt die halbe Sozialversicherung.» Stimmt, aber niemand zeigt, wie viel genau, und niemand sagt dir das Umgekehrte: wie viel mehr du als Freiberufler verdienen musst, damit sich der Wechsel lohnt. Aus unserem Modell (Einkommensteuer §32a, KV 14,6 % + Zusatzbeitrag, Pflegeversicherung, paritätische SV-Beiträge, Steuerklasse I) kommt eine klare Faustregel heraus, die du so nirgends findest:
Die 1,2×-Regel: dein Gewinn muss ~20 % über dem Vergleichsgehalt liegen, damit du netto gleichziehst.
Die Matrix in Euro: Gewinn vs. Gehalt (Steuerklasse I, mit Kind, Zusatzbeitrag 2,9 %)
Jede Zeile: links das Monatsbrutto des Freiberuflers (= Jahresgewinn), daneben das Netto beider Wege, wenn der Angestellte dasselbe Brutto hat — und ganz rechts, welches Gehalt der Angestellte bräuchte, um das Freiberufler-Netto zu erreichen.
| Gewinn / Brutto pro Monat | Netto Freiberufler | Netto Angestellter | Vorsprung AN | Gehalt für FB-Netto |
|---|---|---|---|---|
| 3.000 € | 22.105 € | 25.226 € | +3.121 € | 2.529 €/Monat |
| 4.000 € | 27.478 € | 31.559 € | +4.081 € | 3.348 €/Monat |
| 5.000 € | 32.324 € | 37.482 € | +5.158 € | 4.125 €/Monat |
| 6.000 € | 37.128 € | 43.232 € | +6.104 € | 4.938 €/Monat |
| 7.000 € | 43.811 € | 49.601 € | +5.791 € | 6.088 €/Monat |
| 8.000 € | 50.494 € | 55.758 € | +5.265 € | 7.145 €/Monat |
| 10.000 € | 63.859 € | 69.317 € | +5.458 € | 9.216 €/Monat |
Der Vergleich bei gleichem Brutto (ohne Arbeitgeberzuschlag): der Angestellte gewinnt überall, aber die Lücke ist nicht konstant — sie wächst bis ~6.000 €/Monat (+6.104 €) und flacht dann wieder ab, weil die KV-Beitragsbemessungsgrenze von 5.812,50 €/Monat die Sozialabgaben beider Seiten deckelt, während die Progression der Einkommensteuer weiterläuft.
Der eigentliche Vergleich: 6.000 € Gewinn ≈ 5.000 € Gehalt
Die Zeile, die du dir merken solltest, ist die vierte: 6.000 € Gewinn bringt dem Freiberufler 37.128 € netto — genau so viel, wie ein Angestellter mit 5.000 € Brutto bekommt (37.482 €). Dahinter steckt die 1,2×-Regel: Ein Freiberufler mit 6.000 € Gewinn/Monat verdient brutto betrachtet 72.000 €/Jahr — der Angestellte für dasselbe Netto nur 60.000 €. Die Differenz von ~20 % ist der reale Preis dessen, was der Arbeitgeber bezahlt und der Freiberufler selbst tragen muss: die halbe Kranken- und Pflegeversicherung, der Arbeitgeberanteil der Renten- und Arbeitslosenversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld.
Mit Arbeitgeberzuschlag: bis zu 12.000 €/Jahr Differenz
Rechnet man den Arbeitgeber-SV-Aufschlag von 10 % auf das Brutto (so sieht ein echter Lohnvergleich aus — „gleiche Kosten für den Auftraggeber"), wächst der Vorsprung des Angestellten dramatisch:
| Gewinn / Brutto+AG pro Monat | Netto FB | Netto AN (+10 % AG) | Vorsprung AN |
|---|---|---|---|
| 3.000 € | 22.105 € | 27.170 € | +5.065 € |
| 5.000 € | 32.324 € | 40.290 € | +7.966 € |
| 8.000 € | 50.494 € | 60.965 € | +10.471 € |
| 10.000 € | 63.859 € | 76.277 € | +12.417 € |
Das ist der stille Preis des Freelancings: ohne Betriebsausgaben-Abschreibung holst du diesen Rückstand nie auf.
Wann gewinnt der Freiberufler trotzdem? (Die ehrliche Antwort)
Die Matrix oben vergleicht «saubere» Zahlen, ohne das wichtigste Gestaltungsmittel des Freiberuflers: abziehbare Betriebsausgaben. Der Angestellte kann nur 1.230 € Werbungskosten + Vorsorgepauschale absetzen; der Freiberufler setzt Arbeitszimmer, Laptop, Software, Weiterbildung, Fachliteratur, Versicherungen vom Gewinn ab — das senkt die Einkommensteuer vor der Berechnung:
- Betriebsausgaben ≥ 5.000 €/Jahr: bei 6.000 €/Monat Gewinn sinkt das zvE auf ~5.580 €/Monat — die Lücke von +6.104 € schrumpft auf ~+3.900 €; bei effektiven Ausgaben von ~15-20 % des Umsatzes (typisch für Berater: Software, Office, Hardware-Abschreibung) ist der Freiberufler netto gleichauf.
- Die Gewerbesteuer-Falle nur für Gewerbliche: Freiberufler (§18 EStG, Katalogberufe) zahlen keine Gewerbesteuer und keine IHK — unser Rechner schaltet diesen Unterschied automatisch (Option «gewerblich»). Gewerbliche brauchen das 1,2× plus GewSt-Hebesatz — sie liegen real bei ~1,3-1,4×.
- Risiko vs. Sicherheit ist nicht symmetrisch: der Vorsprung des Angestellten kauft Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung, Elternzeit und gesetzliche Rente. Wer das nicht braucht (Portfolio, Ehepartner mit Gehalt, eigene Altersvorsorge), kann den Netto-Nachteil bewusst tragen — der Punkt der Matrix ist, ihn in Zahlen zu sehen, nicht als Bauchgefühl.
So rechnest du deinen eigenen Wechsel (ohne Excel)
- Schritt 1: Dein Monatsgewinn in den Freiberufler Brutto-Netto Rechner — mit Kind/ohne Kind, Zusatzbeitrag deiner Kasse, optional gewerblich.
- Schritt 2: Haken bei «Freiberufler vs. Angestellter vergleichen (2026)» — du bekommst deine persönliche Lücke in €/Monat und das Brutto-Äquivalent (das Gehalt, das du als Angestellter für dasselbe Netto bräuchtest).
- Schritt 3: Ziehe deine echten Betriebsausgaben vom Gewinn ab und rechne erneut — das zeigt, ab welchem Ausgabenniveau der Wechsel neutral wird.
Die 1,2×-Regel gilt für die meisten Dienstleister ohne Gewerbe. Für die größere Frage — Freiberufler oder GmbH, mit Thesaurierung und §34a — haben wir die komplette Crossover-Analyse 2026 (bei voller Entnahme gewinnt der Freiberufler auf jeder Stufe; Thesaurieren kippt erst ab ~85.000 €).